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REAL TALK: DER EUROPÄISCHE BINNENMARKT, DER FÜR KLEINE UNTERNEHMEN KEINER IST.

  • 16. Aug.
  • 8 Min. Lesezeit

Warum wir ab sofort nicht mehr ins Ausland versenden.


Handel verbindet Menschen - schon immer.

Seit Jahrhunderten reisen Waren über Grenzen. Und mit ihnen reisen Ideen, Geschmack, Handwerk, Traditionen und Kultur. Gewürze wurden über Kontinente gehandelt, Weine fanden ihren Weg in andere Länder, Handwerker brachten ihre Produkte über Grenzen, regionale Spezialitäten wurden andernorts entdeckt und irgendwann Teil einer gemeinsamen Genusskultur. Handel schaffte Austausch und Austausch schafft Vielfalt. Genau deshalb finden wir die Idee eines europäischen Binnenmarktes großartig: Grenzen abbauen, Handel erleichtern, Menschen und Unternehmen zusammenbringen. Ein Kunde in Österreich entdeckt einen kleinen Kräuterlikör aus dem Teutoburger Wald, bestellt ihn und wenige Tage später steht unsere Flasche bei ihm zu Hause. Eigentlich müsste es genau so funktionieren. Tut es aber nicht. Wir haben deshalb eine Entscheidung getroffen, die uns wirklich schwergefallen ist:


Porträt einer Frau vor schwarzem Hintergrund, die ihr Gesicht mit beiden Händen verdeckt und durch eine kleine Öffnung zwischen den Fingern direkt in die Kamera blickt. Das Bild vermittelt Überforderung, Frustration und Fassungslosigkeit und begleitet einen TeutoSpirits-Beitrag über Bürokratie und die Hürden für kleine Unternehmen im europäischen Binnenmarkt.

TeutoSpirits versendet ab sofort nicht mehr ins Ausland.

Nicht, weil wir das nicht wollen. Nicht, weil dort niemand unsere Produkte kaufen möchte.

Und schon gar nicht, weil wir glauben, kleine regionale Produkte gehörten nur in ihre eigene Region. Im Gegenteil: Wir finden den Gedanken großartig, dass ein Gin aus einer kleinen Destillerie im Teutoburger Wald irgendwann in Wien, Amsterdam, Paris oder Kopenhagen auf dem Tisch steht. Aber als kleiner handwerklicher Hersteller müssen wir irgendwann entscheiden, ob wir unsere Zeit noch mit der Herstellung unserer Produkte verbringen – oder hauptsächlich damit, die Vorschriften für ihren Verkauf zu verwalten. Und diese Grenze haben wir jetzt erreicht.


Eine Flasche nach Österreich - der unspektakuläre Auslöser

Ein Kunde aus Österreich bestellte bei uns letzte Woche eine einzige Flasche unseres Kräuterlikörs "Sprengmeister". 350 ml, 30 % vol., 19 Euro Warenwert. Wir sehen die Bestellung und freuen uns. Österreich. Eine unserer Flaschen geht über die Grenze und das trotz der immensen Versandkosten von nahezu 15 Euro. Leute, genau das ist doch der Grundgedanke hinter der EU. Dann beschäftigen wir uns mit den rechtlichen Anforderungen und aus einer ganz normalen Bestellung wird plötzlich ein Verwaltungsfall.


Spirituosen und Liköre gehören zu den verbrauchsteuerpflichtigen Waren. Wer solche Waren gewerblich an Privatkunden in einem anderen EU-Mitgliedstaat verkauft und dorthin versendet oder versenden lässt, muss die jeweiligen verbrauchsteuerrechtlichen Anforderungen beachten. Für unsere Lieferung nach Österreich bedeutet das unter anderem: Die Lieferung muss vorab entsprechend angezeigt werden.

Es gelten besondere steuerliche Verfahrenspflichten. Und für die voraussichtlich entstehende österreichische Alkoholsteuer ist grundsätzlich eine Sicherheitsleistung erforderlich. Alles für:


1,26 EURO.

So hoch ist die österreichische Alkoholsteuer auf diese konkrete Flasche. 0,35 Liter × 30 Prozent Alkohol ergeben 0,105 Liter reinen Alkohol. Beim derzeitigen österreichischen Regelsatz von 1.200 Euro je 100 Liter reinen Alkohol ergibt das: 1,26 Euro Alkoholsteuer. Kein Tippfehler. Nicht 126 Euro. Nicht 12,60 Euro. Nur 1,26 Euro. Und selbstverständlich soll diese Steuer bezahlt werden. Darum geht es überhaupt nicht. Die Frage ist vielmehr: Wie viel Verwaltungsaufwand ist für 1,26 Euro Steuer eigentlich noch verhältnismäßig?


Und dann kommt das Ding mit der Verpackung dazu

Als wäre der grenzüberschreitende Versand von Spirituosen nicht ohnehin komplex genug, gelten seit dem 12. August 2026 wesentliche Vorgaben der neuen europäischen Verpackungsverordnung PPWR.

Sie verändert und vereinheitlicht zahlreiche Anforderungen rund um Verpackungen innerhalb der Europäischen Union und bringt für Hersteller, Händler und andere Wirtschaftsakteure zusätzliche beziehungsweise veränderte Verantwortlichkeiten mit sich. Wichtig ist uns dabei: Die PPWR hat den Versand unserer Flasche nach Österreich nicht plötzlich verboten. Die besonderen verbrauchsteuerrechtlichen Anforderungen für Alkohol gab es bereits vorher. Aber die neuen Verpackungsanforderungen kommen als weitere regulatorische Ebene hinzu. Und irgendwann wird aus vielen einzelnen Vorschriften, die für sich genommen vielleicht erklärbar sind, ein Gesamtpaket, das ein kleiner Betrieb wirtschaftlich und organisatorisch kaum noch darstellen kann.


„Dann macht doch einfach die Formulare.“

Kann man sagen - Und rein theoretisch stimmt das sogar. Wir könnten uns in jedes Verfahren einarbeiten.


In österreichisches Verbrauchsteuerrecht.

In Umsatzsteuer.

In Verpackungsrecht.

In Registrierungen.

In Meldungen.

In Sicherheitsleistungen.

Und anschließend in die entsprechenden Regelungen des nächsten Landes.

Und des nächsten.

Und des nächsten.


Nur gibt es ein kleines Problem: Wir sind keine Rechtsabteilung.


Wir sind eine Destillerie.

Wir entwickeln Rezepte.

Wir kaufen Rohstoffe.

Wir destillieren.

Wir setzen Liköre an.

Wir filtern.

Wir füllen ab.

Wir etikettieren.

Wir verpacken.

Wir beraten Kunden.

Wir verkaufen.

Wir machen Buchhaltung.

Wir kümmern uns um unsere Website.

Wir machen Marketing.

Wir beantworten Nachrichten.

Wir packen Pakete.

(All das übrigens aus vollster Überzeugung und mit viel Liebe und Herzblut.)


Und irgendwo dazwischen sollen wir selbstverständlich auch noch sämtliche steuerlichen und regulatorischen Anforderungen verschiedener europäischer Staaten beherrschen.

Große Unternehmen haben dafür Mitarbeiter. Steuerexperten. Juristen. Compliance-Abteilungen. Spezialisierte Dienstleister. Wir haben uns. Und genau darin liegt das Problem.


Ein Binnenmarkt für alle – oder irgendwann nur noch für die Großen?

Der europäische Binnenmarkt ist eine großartige Idee. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit hunderten Millionen Menschen sollte gerade kleinen Unternehmen Möglichkeiten eröffnen, die früher undenkbar gewesen wären. Ein kleiner Produzent sollte heute eigentlich leichter denn je Kunden außerhalb seines Heimatlandes erreichen können. Internet, Social Media, Onlineshop, Paketdienst, ein Klick - eigentlich.

Doch wenn ein Unternehmen für jede Grenze steuerliche, administrative und verpackungsrechtliche Anforderungen prüfen und erfüllen muss, passiert irgendwann etwas sehr Rationales: Man hört auf. Nicht aus Trotz. Nicht aus Protest. Sondern weil es sich wirtschaftlich nicht mehr rechnet. Genau das ist bei uns jetzt passiert. Wir haben eine Grenze wieder aufgebaut, die eigentlich längst verschwunden sein sollte: Deutschland hier. Ausland dort. Und das fühlt sich für einen europäischen Binnenmarkt ziemlich absurd an.


Was verlieren wir dadurch eigentlich?

Auf den ersten Blick verlieren wir einen Verkauf. 19 Euro. Unsere Existenz hängt nicht an dieser einen Flasche Kräuterlikör. Aber genau darum geht es nicht. Heute ist es unsere Flasche. Morgen vielleicht der Käse einer kleinen Hofkäserei. Eine Spezialität einer kleinen Lebensmittelmanufaktur. Ein regionales Produkt aus Frankreich. Eine kleine Kosmetikmarke aus Österreich. Ein Familienbetrieb aus Italien.

Jedes einzelne Unternehmen trifft irgendwann für sich eine vollkommen rationale Entscheidung:

„Diesen Markt bedienen wir nicht mehr.“ Und irgendwann besteht der europäische Handel natürlich weiterhin. Aber zunehmend zwischen Unternehmen, die groß genug sind, um seine regulatorische Komplexität zu verwalten. Und genau dann verlieren wir etwas, das sich in keiner Steuerstatistik ausdrücken lässt. Wir verlieren Auswahl. Wir verlieren regionale Besonderheiten. Wir verlieren Handwerk. Wir verlieren Begegnungen zwischen Regionen und Kulturen.


Wir verlieren Vielfalt - denn Handel war nie nur der Austausch von Geld gegen Ware.

Handel war immer auch kultureller Austausch. Jemand probiert etwas, das es bei ihm zu Hause nicht gibt.

Er erzählt davon. Er bringt es mit. Er verschenkt es. Andere entdecken es. Und plötzlich begegnen sich zwei Regionen, obwohl hunderte Kilometer zwischen ihnen liegen. So funktioniert Handel seit Menschengedenken. Gerade deshalb finden wir es so traurig, dass ausgerechnet in einem europäischen Binnenmarkt kleine Unternehmen anfangen, diesen Austausch freiwillig einzuschränken.




Und was bedeutet das für Euch, liebe Gin-Community?

Die Auswirkungen enden nämlich nicht bei unserem Onlineshop. Gerade die Gin-Welt lebt davon, dass Menschen entdecken, probieren und weiterempfehlen. Gin-Blogger, Ginfluencer und andere Enthusiasten stellen kleine Destillerien vor. Sie veranstalten Tastings, drehen Videos, schreiben Reviews.

Sie tauschen sich international aus. Manche übersetzen ihre Tastings und Beiträge sogar, damit Menschen außerhalb Deutschlands kleine deutsche Destillerien und deren Produkte kennenlernen können.

Und genau das war bisher das Großartige daran: Eine kleine Destillerie brauchte keinen internationalen Vertrieb, um international entdeckt zu werden. Ein guter Beitrag. Eine Empfehlung. Ein Link zum Onlineshop. Und plötzlich entdeckt jemand in Österreich, Belgien oder den Niederlanden einen Gin aus einer kleinen Destillerie im Teutoburger Wald. Doch was bringt diese Reichweite noch, wenn der Interessent anschließend im Shop feststellt: „Lieferung in dein Land nicht möglich.“


Natürlich können deutsche Ginfluencer ihre Tastings weiterhin übersetzen. Sie können ihre Community im Ausland weiterhin für kleine deutsche Gins begeistern. Nur wird es zunehmend schwieriger, diese Produkte anschließend auch direkt beim kleinen Hersteller zu bestellen, wenn immer mehr Betriebe zu derselben wirtschaftlichen Entscheidung kommen wie wir. Und das betrifft nicht nur uns.

Wenn kleine Brennereien ihren Auslandsversand einschränken oder einstellen, verändert sich langfristig auch die Gin-Community. Denn: Die Gin-Community lebt nicht von den zehn Marken, die in jedem europäischen Supermarkt stehen. Sie lebt von den anderen.


Von der kleinen Brennerei. Von der verrückten Rezeptur. Von regionalen Botanicals. Von einer Flasche, die man eben nicht überall bekommt. Von Menschen, die irgendwo einen außergewöhnlichen Gin entdecken und sagen: „Den müsst ihr unbedingt probieren.“

Genau diese Vielfalt macht diese Community aus. Wenn diese Produkte zwar weiterhin über Social Media entdeckt und gefeiert werden, aber über Grenzen hinweg für kleine Hersteller immer schwieriger wirtschaftlich zu vertreiben sind, verlieren am Ende nicht nur die Produzenten Umsatz.

Die gesamte Community verliert Vielfalt. Und irgendwann könnte die internationale Auswahl immer stärker aus den Marken bestehen, die groß genug sind, sich internationale Steuer-, Verpackungs- und Compliance-Strukturen leisten zu können. Das wäre eine ziemlich bittere Pointe für einen europäischen Binnenmarkt: Wir können uns über Grenzen hinweg sehen. Wir können uns folgen. Wir können unsere Produkte gegenseitig feiern. Wir können sie nur irgendwann nicht mehr wirtschaftlich zueinander schicken. Und genau deshalb geht es bei unserer Entscheidung nicht um eine einzelne Flasche Kräuterlikör und auch nicht um 1,26 Euro Alkoholsteuer.


Es geht um die Frage:

Welche Produkte und welche Unternehmen werden künftig überhaupt noch die Chance haben, über ihre eigene Landesgrenze hinaus stattzufinden?


Wir wollen keine Sonderbehandlung. Uns ist eines wichtig.

Wir fordern nicht: Keine Steuern. Keine Verpackungsverantwortung. Keine Umweltstandards.

Keine Regeln. Natürlich müssen Unternehmen Verantwortung übernehmen. Natürlich müssen Verpackungen finanziert und recycelt werden. Natürlich muss Alkoholsteuer bezahlt werden. Natürlich braucht ein gemeinsamer Markt gemeinsame Standards. Aber Regulierung braucht etwas, das in Diskussionen erstaunlich schnell verloren geht: Verhältnismäßigkeit.


Eine Regel, die für einen Konzern mit tausenden Mitarbeitern problemlos administrierbar ist, kann für einen Betrieb mit wenigen Menschen eine vollkommen andere Belastung darstellen.

Formal gilt dieselbe Regel für alle. Praktisch trifft sie aber nicht alle gleich.

Und deshalb reicht es nicht zu sagen: „Die Vorschriften gelten schließlich für jeden.“

Denn wer ein kleines Unternehmen regulatorisch genauso behandelt wie einen Konzern, ignoriert einen entscheidenden Unterschied: Der Konzern verteilt die Arbeit auf Abteilungen.

Der kleine Betrieb verteilt sie auf seinen Feierabend.


Unsere Konsequenz

Wir haben die österreichische Bestellung storniert. Der Kunde bekommt selbstverständlich sein Geld vollständig zurück. Und wir haben unseren Onlineshop inzwischen so eingestellt, dass nur noch Lieferungen innerhalb Deutschlands möglich sind. Kein Österreich. Keine Niederlande. Kein Frankreich. Kein anderes Ausland. Vorerst. Vielleicht finden wir irgendwann eine Lösung, mit der wir den europäischen Versand rechtssicher und wirtschaftlich wieder anbieten können. Wir würden uns darüber freuen.


Bis dahin bleibt aber eine Tatsache: Ein österreichischer Kunde wollte eine Flasche Kräuterlikör aus dem Teutoburger Wald kaufen. Wir wollten sie ihm verkaufen. Er wollte bezahlen. Wir wollten die anfallenden Steuern bezahlen. Ein Paketdienst hätte die Flasche transportiert. Eigentlich hätten alle Beteiligten genau das getan, was ein Binnenmarkt ermöglichen soll. Und trotzdem haben wir am Ende die Bestellung storniert. Nicht weil niemand handeln wollte. Nicht weil eine Grenze geschlossen war. Nicht weil der Kunde unser Produkt nicht kaufen durfte. Sondern weil die Verwaltung dieses einen kleinen Handelsgeschäfts für uns wirtschaftlich keinen Sinn mehr ergeben hat.


Und das sollte uns zu denken geben. Nicht nur als Unternehmer, auch als Verbraucher. Denn hinter vielen kleinen Betrieben stehen Menschen, die irgendwann beschlossen haben: Ich mache etwas Eigenes, ich riskiere mein Geld, ich investiere meine Zeit, ich stelle etwas her. Und vielleicht findet irgendwo außerhalb meiner Region jemand genau dieses Produkt großartig. Diese Menschen brauchen Regeln. Aber sie brauchen auch die Möglichkeit, innerhalb dieser Regeln noch wirtschaftlich arbeiten zu können.


Denn:

Wer kleine Unternehmen wie Konzerne reguliert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann nur noch Konzerne übrig sind.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Gefahr. Nicht, dass morgen plötzlich sämtliche kleinen Betriebe verschwinden. So funktioniert es nicht. Es passiert viel leiser. Ein Land wird aus dem Versand genommen, ein Produkt wird eingestellt, eine Investition wird verschoben, ein Unternehmen entscheidet sich gegen Wachstum. Ein anderer Betrieb gibt irgendwann ganz auf. Jede einzelne Entscheidung wirkt für sich unbedeutend. Bis wir Jahre später feststellen, dass etwas fehlt.


Vielfalt stirbt selten mit einem großen Knall.

Meist stirbt sie an tausend kleinen Hürden.



 
 
 

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